Unverpackte Geschenke
Über Nacktheit, Vertrauen und weibliche Solidarität – und warum wir sie gerade zu Weihnachten, im Licht der Kerzen, brauchen.
Das Einzige was mir für diesen Blog noch fehlte waren die passenden Fotos. Ich schiebe diesen Blog schon lange vor mir her. Den ersten Artikel wollte ich im Sommer schreiben. Nun sitze ich nicht topless im Utoquai sondern in meinem Schlabberpulli, meinem «Zelt», zu Hause. Es ist bald Weihnachten, überall sind Lichter, Kerzen, Guetzli und Mandarinen und noch immer habe ich den ersten Blogbeitrag nicht geschrieben.
Am letzten Wochenende hat mir Amanda, eine gute Freundin, das schönste Geschenk gemacht: Zuhause bei ihr fotografierte sie mich. Nackt, so wie ich bin.
Wir richteten das Setting ein, zündeten mehrere Kerzen an, welche ein schönes, warmes, weihnachtliches Licht auf meinen Körper warfen. Die Kerzen standen auf einem alten Cheminée, auf welchem ausserdem ein Marienbild, eine Vase in Kopfform mit gedörrten Blumen sowie ein Leopard standen. Wer dann reingekommen wäre, hätte sicherlich gedacht, wir veranstalten Kult oder – schlimmer – sind in einer Sekte.
Nein, wir machten Aktfotos bei Kerzenschein.
Einen kurzen Moment war es komisch, so nackt in ihrem Wohnzimmer zu stehen. Nicht, dass sie mich noch nie nackt gesehen hätte, im Gegenteil, sie kennt mich und meinen Körper gut, sehr gut sogar.
Mit ihr fühle ich mich wohl, selbst splitterfasernackt, selbst wenn sie mit dem IPhone nahe an meine Vulva kommt um ein Foto aus einem Winkel zu schiessen, von dem ich nicht weiss, wie vorteilhaft er für mich ist. Ich vertraue ihr.
Ich fühle mich sogar wohl, als wir das Foto «The Prayer» des Fotografen Man Ray nachstellen, bei dem der Po des Models von hinten fotografiert wurde. Ich sitze mit dem Po auf meinen Füssen und verrenke mich so, dass die Hände meine Geschlechtsteile bedecken hinten, während Amanda meinen Po von hinten fotografiert. Für das Foto musste sie meine Finger zurechtrücken. Ich habe absolut keine Hemmungen vor ihr. Ich vertraue ihr grenzenlos.
Sie weiss, wofür ich die Fotos brauche. Sie weiss, dass ich einen anonymen Blog starten will, auf dem ich über meine Erfahrungen schreibe – ungeschönt, frei. Ich habe beschlossen, meine Geheimnisse und intimsten Geschichten hier zu teilen. Geschichten und Geständnisse, die bisher nur meine engsten Freundinnen kannten, so wie Amanda.
Es ist leichter, sich vor einem Mann auszuziehen als vor einer Frau.
Es ist schön, dass ich mit ihr so frei bin. Manchmal fällt es mir merkwürdigerweise leichter, sich vor einem Mann auszuziehen als vor einer Frau. Männer, mit denen ich schlafe, sehen mich oft weniger genau an als Frauen. Männer sehen einen Körper, Frauen sehen Details.
Nicht dass ich mich nicht wohl fühle in meinem Körper – im Gegenteil. Und doch ist es fast schwerer, so nackt vor einer guten Freundin zu stehen, als mich bei einem One-Night-Stand auszuziehen. Zwischen Frauen liegt oft ein feines Netz aus Vergleich, Konkurrenz, Eifersüchteleien. Umso kostbarer ist es, wenn eine Frau neben dir steht, die dich nicht bewertet, mit der du einfach sein kannst, wie du bist. So wie ich mit Amanda.
Genau deshalb schreibe ich nun diesen Blog. Amanda unterstützt mich bei dem, was ich mache, sie gibt mir Halt, ermutigt und empowert mich. Diese Art weiblicher Solidarität, die mir Amanda schenkt, wünsche ich mir von und für alle Frauen. Sie kann so heilend wirken. Ich wünsche mir Mut, Sanftheit und Unterstützung – ohne Urteil.
Vielleicht ist dieses Weihnachten ja ein guter Moment, etwas anderes zu schenken. Schenkt euren Freundinnen ein Geschenk, das Nähe schafft, statt etwas Materiellem. Schenkt ein Geschenk, das kein Geld kostet aber Mut, Vertrauen und Präsenz, schenkt ein Ritual der Verbindung statt einem Wellnessgutschein oder einer Seife.
Es muss nicht immer ein Aktshooting sein. Schenkt einander Zeit, ein Foto, ein Lachen, einen Raum, in dem ihr wirklich ihr selbst sein dürft. Es ist wunderbar, wenn Frauen sich frei machen, statt sich klein zu machen.
Amanda schenkte mir diesen Moment der Solidarität und die daraus entstandenen Fotos. Ich schenke euch ein unverpacktes Geschenk: Diese Fotos, auf denen ich nackt bin, stripped down. Ich schenke euch diesen Blogbeitrag und hoffe, dass ihr mich seht. Denn es ist das kindlichste, menschlichste Geschenk: Gesehen werden.

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