Von lauten Nächten und leisen Jahren
Über Begehren, Selbstbild und das Leiserwerden an Silvester.
Mit sechzehn war Neujahr laut.
Damals war ich mit meinen Freundinnen auf einer riesigen Party im Hallenstadion. Ich erinnere mich an Alkohol, Partylichter, dröhnende Musik mit einem Bass, dessen Schläge man im ganzen Körper fühlen konnte, und an den Glitzer-Regen um Mitternacht. Wir waren zu jung, um zu wissen, wer wir sind, und alt genug, um es herausfinden zu wollen. Wir bewegten uns irgendwo zwischen Kind und Frau, immer noch ein bisschen pausbäckig, weder Fisch noch Fleisch, auf der Suche nach uns selber.
Als junge Frau habe ich viele Partys erlebt, aber an diese Silvesternacht erinnere ich mich besonders: die riesige Tanzfläche, fremde Körper, Nähe zu Menschen – auch zu Männer, die ich nicht kannte und nie mehr sehen würde. Ich erinnere mich an das Gefühl, gesehen zu werden, von Frauen, aber auch – und damals interessierte mich vor allem dies – von Männern. Ich begann, mich und meine Attraktivität auszutesten, mich selbst und die Reaktionen der Leute um mich herum zu beobachten. Was ist erlaubt, was tabu?
In diesem Zeitraum begann ich, mich als Frau zu begreifen, obwohl ich in vielem noch sehr kindlich war. Ich stellte mir dieselben Fragen wie so viele Teenager: Bin ich attraktiv? Bin ich begehrenswert? Wie muss ich mich geben, wie kleide ich mich, wie tanze ich? Wirke ich zu nuttig im kurzen Schwarzen, das mir gerade so über den Po reicht? Die Kleider meiner Freundinnen sind auch nicht länger.
Der Körper wurde zum Experimentierfeld, der Blick der anderen gewissermassen zum Massstab.
Der Körper wurde zum Experimentierfeld, der Blick der anderen gewissermassen zum Massstab. Heute, über dreissig, wird Neujahr leiser. Ich mache Witze über die Pizza-Party, die ich mit ein paar Freundinnen veranstalten werde. Vielleicht ein Gläschen Wein, sicher spannende Gespräche, ein frühes Zubettgehen. Keine Partys, keine Grenzüberschreitungen. Und doch ist nicht weniger da. Das Begehren nach Leben, nach Abenteuer, nach Mehr ist nicht verschwunden. Es hat sich verlagert. Ich fühle mich sicherer in meinem Körper, bemühe mich weniger als früher. Ich bin weniger darauf angewiesen, gesehen zu werden. Ich bin mehr bei mir. Und dennoch bleibt der Wunsch. Vielleicht schreibe ich deshalb diesen Blog.
Das neue Jahr steht vor der Tür, und noch immer weiss ich nicht genau, wohin die Reise geht. Weiss ich heute besser, wer ich bin, als damals mit sechzehn? Wir sind wohl ein Leben lang dabei, es herauszufinden. Ich habe keinen vorgezeichneten Weg, keine fertigen Antworten. Aber ich habe – meistens zumindest – aufgehört, mich beweisen zu müssen. Jedenfalls nicht vor Männern. Wenn überhaupt, dann mir selbst gegenüber.
Vielleicht ist das Erwachsenwerden genau das: die gleiche Sehnsucht, aber mit mehr innerer Ruhe. Und die Gewissheit, dass das nächste Abenteuer kommt – wenn auch nicht an Silvester.
Nicht dass ich mich nicht wohl fühle in meinem Körper – im Gegenteil. Und doch ist es fast schwerer, so nackt vor einer guten Freundin zu stehen, als mich bei einem One-Night-Stand auszuziehen. Zwischen Frauen liegt oft ein feines Netz aus Vergleich, Konkurrenz, Eifersüchteleien. Umso kostbarer ist es, wenn eine Frau neben dir steht, die dich nicht bewertet, mit der du einfach sein kannst, wie du bist. So wie ich mit Amanda.
Genau deshalb schreibe ich nun diesen Blog. Amanda unterstützt mich bei dem, was ich mache, sie gibt mir Halt, ermutigt und empowert mich. Diese Art weiblicher Solidarität, die mir Amanda schenkt, wünsche ich mir von und für alle Frauen. Sie kann so heilend wirken. Ich wünsche mir Mut, Sanftheit und Unterstützung – ohne Urteil.
Vielleicht ist dieses Weihnachten ja ein guter Moment, etwas anderes zu schenken. Schenkt euren Freundinnen ein Geschenk, das Nähe schafft, statt etwas Materiellem. Schenkt ein Geschenk, das kein Geld kostet aber Mut, Vertrauen und Präsenz, schenkt ein Ritual der Verbindung statt einem Wellnessgutschein oder einer Seife.
Es muss nicht immer ein Aktshooting sein. Schenkt einander Zeit, ein Foto, ein Lachen, einen Raum, in dem ihr wirklich ihr selbst sein dürft. Es ist wunderbar, wenn Frauen sich frei machen, statt sich klein zu machen.
Amanda schenkte mir diesen Moment der Solidarität und die daraus entstandenen Fotos. Ich schenke euch ein unverpacktes Geschenk: Diese Fotos, auf denen ich nackt bin, stripped down. Ich schenke euch diesen Blogbeitrag und hoffe, dass ihr mich seht. Denn es ist das kindlichste, menschlichste Geschenk: Gesehen werden.

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